Mittwoch, 23. Mai 2018

Bombenstimmung in der Stadt, Teil 1

Bild: Merio / Pixabay

Montag, 10 Tage vor Tag X


Der große Bilderbogen der kleinen Provinzstadt Neuruppin verkünden digital ein sich annäherndes drohendes Unheil für die ganze Stadt. Bei Bodensondierungen wurde eine „Anomalie“ gefunden. Ähnlich wie bei Geflügel und anderem Getier vor einem Erdbeben, breitet sich wellenartig langsam Panik in der Stadt aus.

Wenig später wird der hiesigen Online-Buschtrommel „Du weißt du bist Ruppiner wenn...“ ein Screenshot der geheimen Prepper-Gruppe OPR zugespielt, auf dem zu lesen ist, das „IM Holgi Pepperprepper“ die Mitglieder der „Abteilung WK 1 – 3“ dazu aufruft, sich angesichts der Bedrohung umgehend mit den vorerst wichtigsten Überlebensmitteln einzudecken um bis Ultimo rund um die Uhr notfalls vom Klo aus der unwissenden und naiven Bevölkerung mit digitalem Rat zur Seite zu stehen. Im Nahversorgungszentrum am Reiz gibt es nur wenige Stunden nach dieser Meldung die ersten Engpässe bei Energie-Drinks, Kaffeepulver, Tiefkühlpizzen und Popcorn.

Während die Stadtverwaltung zusammen mit allen möglichen anderen Ämtern einen Krisenstab bildet um für das „was wäre, wenn das drohende Unheil unsere ganze Stadt wegfegt?“ gewappnet zu sein und an der Mesche eiligst das Pappmodell der Stadt um die Bahnhofsregion erweitert wird, verlässt des Nachts eine dunkle Limousine mit getönten Scheiben die Stadt in Richtung Osten. 

Ihr Ziel: Babimost. Die Partnerstadt des brandenburgischen Provinzstädtchens in Polen. Der Auftrag: Für Probesprengungen am Stadtmodell sollen möglichst authentische Miniaturprengkörper eingesetzt werden und Polen sind dafür die Experten schlechthin.

Dienstag, 9 Tage vor Tag X


Bereits um 8:21 Uhr ist die Papierversion des großen Bilderbogens nirgendwo mehr offiziell erhältlich. Lediglich besser situiert aussehenden Interessenten werden unter dem Tresen gehandelte Exemplare zu regelrechten Wucherpreisen mit einem geraunten: „Vielleicht eine der letzten Exemplare überhaupt!“ angeboten. Die hiesigen Baumärkte verzeichnen eine erhöhte Nachfrage nach Metallkisten und erdfesten Tresoren.

In der ABM-Werkstatt an der Mesche werden die Medikamentenverpackungen für die Miniaturhäuser knapp. Der Nachschub vom Klinikum wird mit den Rettungshubschrauber eingeflogen, für dessen Landung ein halbes Getreidefeld kurzerhand mit allen auf dem Hof der Werkstatt herumstehenden Fahrzeugen plattgefahren wurde. Der durch die Rotorblätter aufgewirbelte Staub lässt alle Anwesenden binnen Sekunden wie Darsteller aus dem Film „Lawrence von Arabien“ aussehen. In drei anwesenden Kleingärten verabschieden sich ein Vordach, zwei Sonnenschirme und ein Pavillon. Letzteres schwebt geradezu majästätisch gen Himmel um sich kurz darauf in den Kabeln der Stromtrasse zu verfangen und damit ein Höhenfeuerwerk auszulösen. Sekunden später herrscht in der halben Stadt Stromausfall.

Die geheime Prepper-Gruppe OPR hat einen eigenen Krisenstab gebildet, dessen Aufgabe ist, online alle besorgten Bürger aufzumuntern. Ausgerüstet mit je 20 Litern Energie-Drinks, 3 Packungen Kaffeepulver sowie 10 Tiefkühlpizzen pro Person ziehen sich die Mitglieder nach einem gemeinsam gebrüllten „Allzeit bereit!“-Ruf, festem Händedruck und mit Tränen der Rührung in den Augen in ihre Wohnungen zurück um sich ihrer wichtigen Aufgabe zu widmen. Erich H. Senior-Prepper der alten Schule fängt an zu schluchzen: „Männer, das ist wie früher! Das ich das noch mal erleben darf bevor ich sterbe!“.

Die Ämter haben mittlerweile auf einer Karte einen Sperrkreis ausgehandelt: Auf einer aufgehängten Karte wird der Fundort der Anomalie mit einem großen X gekennzeichnet. Damit auch jeder Anwesende seinen Beitrag zur Sperrzone leisten kann, werden Dartpfeile verteilt. So hat jeder schnell und effektiv seinen Beitrag zur Evakuierungszone beigetragen. Jeder bis auf den Bürgermeister. Der braucht ein bisschen länger, immerhin möchte er auf keinen Fall den Pfeil in den See versenken, sondern genau an der Kreuzung Präsidentenstraße/Regattastraße an der Stadtmauer. Um Inklusion zu leben, bekam die anwesende Behinderte dann ein Knäuel rote Wolle und den Auftrag, diese um die Dartpfeile zu wickeln, damit für jeden die Grenzen ersichtlich sind. Dankbar und glücklich sich mit so einer wichtigen Aufgabe einbringen zu können, machte sie sich an die Arbeit. 

Währenddessen schaut Gundula F. aus ihrer Höhle im 5. Stock des WK 3 auf die Stadt herunter, schlurft zu ihrem Personal-Computer und tippt die folgenschwere Nachricht ein: "Was soll denn die ganze Panikmache jetzt schon, man weiß ja noch nicht einmal, was das ist!". Wenig später klappt Verschwörungstheoretiker Oha Watnspinner drei Dörfer weiter in seinem Baumhaus sein solarstrombetriebenes Notepad auf, liest diese Zeilen und rennt elektrisiert zum Bücherregal um aus dem untersten Regal ein sehr altes in Leder gebundenes Buch seiner Ururururgroßmutter zu ziehen. Diese landete vor 200 Jahren nach verlorener Hexenprobe im See zum trocknen auf einem Scheiterhaufen vor der Stadt.








Fortsetzung folgt, bleiben Sie dran! 

Donnerstag, 29. März 2018

Was Barrierefreiheit und Teilhabe mit Gulasch zu tun haben.


Ach was? Seit es die Stadt-Ratte gibt, dümpeln die Posts recht übersichtlich im zweistelligen Bereich vor sich hin. Egal, was ich schreibe und dann auch als Beitrag teile. Aber siehe da, der "So, jetzt habe ich aber die Schnauze voll"-Bericht knackt nach wenigen Tagen mal eben locker die Tausender-Marke. Oh... 

Nun ja, weil ich bei einigen Leuten ja den Ruf weghabe, das man es mir ja sowieso nicht recht machen kann und ich an allem herumzumeckern habe, gab es gleich die nächste Diskussion. "Checkpoint grün" hat von mir eine rote Karte bekommen. 

Die BündnisGrünen haben nämlich eine Informationsveranstaltung zur Landratswahl organisiert - und völlig vergessen, das vielleicht auch Menschen sich gerne dort informieren würden, deren "Füße rund sind". Die also im Rollstuhl sitzen. Was aber eben bei dem Ort nicht geht, weil er - wie so viele anderen Veranstaltungsorte hier in Neuruppin - für Rollstuhlfahrer nicht erreichbar ist. 

Es kamen dann auch Vorschläge wie: "Es finden sich bestimmt ein paar starke Männer, die den Rolli dann die Treppe hoch tragen". Das ist nett - aber es löst das Problem nicht. Es wirft nur weitere Probleme auf - denn es klingt zwar einfach "dann tragen wir den Rolli eben hoch" - aber wenn die Treppe enger ist, dann wird so etwas durchaus schwierig. Unerfahrene Helfer können auch mehr Schaden anrichten als alles ander - sowohl beim Rolli als auch bei dem, der im Rolli sitzt. 

Dazu kommt - was ist, wenn es ein E-Rolli ist, der mitunter schon ein erhebliches Eigengewicht hat, das durchaus 100 kg erreichen kann? PLUS das Gewicht desjenigen, der drin sitzt. Da streikt jeder "nette freiwillige starke Helfer". Noch etwas, das hat mir vor einiger Zeit ein Video eines Aktivisten klar gemacht, der zu einer Sitzung in einer Gaststätte eingeladen war. Rein ist er ja gekommen - und dann hat er festgestellt: Jeder sitzt dort, isst und trinkt und hat die Möglichkeit, dort selbstverständlich auf Toilette zu gehen. Er aber nicht. Ich denke, jeder kennt es, wie es ist, wenn man ganz nötig mal muss. Es gibt ohnehin nicht viele Toiletten, die mit Rollstuhl wirklich nutzbar sind - denn überlegt mal: Man muss mit dem Rollstuhl dort hinein kommen können UND sich dann dort drin noch teilweise ausziehen und umsetzen können. Das möchte man natürlich nicht als Peepshow machen und die Türe auf lassen, sondern genau wie jeder andere hinter verschlossenen Türen. 

Das würde also im Extremfall bedeuten - man kommt zu so einem Veranstaltungsort mit einem Rolli, wird die Treppe raufgehievt, trinkt wie viele andere dort auch etwas, z. B. ein Bier - und muss dann auf Klo. Das ist dann wiederum unten. Also Rolli wieder runterhieven lassen, den Helfern sagen, sie sollen warten, auf Klo gehen, Rolli wieder die Treppen rauf, Veranstaltung zu Ende besuchen und dann Rolli wieder die Treppen runter. Ich glaube, das würden viele Helfer nicht mitmachen und mit ganz viel Pech steht man dann am Veranstaltungsende mit Rolli oben und alle "ich hab Rücken"-Leute sind weg. 

Wobei das ja andere Parteien auch ganz hervorragend mit ihren Veranstaltungen können. Egal ob man sich beim Griechen in der Bilderbogen-Passage oder im Tempelgarten oder im Rosengarten trifft. Sitzen Menschen im Rollstuhl, sind sie von den Veranstaltungen genau derer, die sich auf jeder Wahl und in vielen Social-Media-Postings so schön mit Teilhabe und Inklusion beschäftigen, ausgeschlossen. Ich glaube, das einzige Parteibüro, das in Neuruppin ohne Stufen erreichbar ist, hat die CDU. 

Aber eigentlich werden ja nicht nur Rollifahrer von solchen Veranstaltungsorten ausgeschlossen. Auch Menschen, die von ALG2 leben werden es eigentlich. Denn "ich besuche eine Informationsveranstaltung zur Landratswahl in einer Gaststätte, weil ich mich sinnvoll entscheiden möchte" ist bei der Minimalversorgung nicht vorgesehen. 

Würden aber Parteien und Wählergruppen sich entscheiden, solche Veranstaltungen "barrierefrei" für Rollstuhlfahrer und Bezieher von ALG2 zu machen, müssten sie eine ganze Menge Geld dafür aufwenden. Denn barrierefreie Veranstaltungsräume gehören hier in Neuruppin meistens der Stadt. Die diese Räume vermietet und auch alle zwei Jahre die Miete neu anpasst. 

Ich habe überlegt, wie ich das mit dem "als Begriff im Gehirn ankommen" am Besten beschreiben kann. Mir ist Gulasch eingefallen (ich bin ein bisschen verfressen). Wenn man den meisten Leuten erzählt: "Es gibt Gulasch", dann wissen die sofort, was gemeint ist. Vielleicht fragen sie auch noch "mit Spätzle, Nudeln, Kartoffeln oder Klößen?". Sie sehen vor ihrem geistigen Auge ein Bild vom Gulasch, manch einer merkt, wie ihm das Wasser im Mund zusammen läuft, nur weil er an Gulasch denkt, und riecht es förmlich schon. Er weiß, wie es schmecken soll, wie die Konsistenz am Besten ist und womöglich sogar, wie man es kocht. Wenn er ganz gut ist, weiß er sogar, wie man es ohne "Tütengebrösel" kocht und was man dafür so braucht. Also ohne die ganzen Fix-und-Fertig-Einheitsgeschmack-Tütenwürze. 

Ich hoffe, ich habe euch jetzt Hunger gemacht. Auf Gulasch. 

Aber was hat Gulasch jetzt mit barrierefrei und Teilhabe zu tun? WAS taucht in euren Köpfen auf, wenn ihr diese Wörter hört oder lest? WAS verknüpft ihr sofort, ohne viel Nachdenken innerhalb von wenigen Sekunden mit dem Begriff Teilhabe? 

Seht ihr, genau DAS hat es damit zu tun!

Für wahrscheinlich über 90 % von euch sind "Barrierefrei" und "Teilhabe" vor allem WÖRTER. Ihr verknüpft sie mit "rollitauglich" und "sollte üblich sein". Aber es ist eben nicht so wie beim Wort "Gulasch", dass euch sofort ein Bild vor Augen kommt, dass ihr wisst, auf was noch alles zu achten ist, wie es am Besten geht... 

Barrierefreiheit (und die wird es so ohnehin nie geben) und Teilhabe wird es erst dann wirklich geben, wenn diese Wörter in den Gehirnen der meisten Menschen genau so eine Wirkung haben wie das Wort "Gulasch". 

Ich wünsche allen erholsame Feiertage! 

Nachtrag...

ich muss das noch ergänzen. Und zwar hat Pro Ruppin zwar kein Büro, aber die treffen sich ziemlich rollitauglich im Alten Casino. Das hat zwar jetzt dann keine rollitaugliche Toilette, aber der Coup bei Goldes war ja, das die so ein Teil quasi "wie früher einmal über den Hof und dann das Häuschen mit dem Herz drauf" direkt nebenan haben. Auf dem Spielplatz. Zwar ohne Herzchenfenster in der Türe, aber mit Rolli benutzbar. ;-)












Donnerstag, 15. März 2018

Gute Ideen überall - könnte man importieren!



Wir sind ja viel unterwegs. Mal zu zweit (Joey und ich), mal zu dritt (Nick, Joey und ich). Schon letztes Jahr im Urlaub in Wachtendonk haben wir so ein Ding gesehen. Das fanden wir ganz toll und weil Neuruppin zum Beispiel auch eine Badestelle gegenüber dem EVI hat, sehr importierenswert für unsere Stadt. 

Nun waren wir letztens in Lindow am Wutzsee. Siehe da: auch dort steht so ein Ding! Gerade komme ich aus Wustrau zurück - an der Badestelle zwischen Wustrau und Alt-Friesack steht auch eines. 

Sieh mal einer an. An vielen Orten ist es möglich, sich an Badestellen umzuziehen, ohne blöde angeglotzt zu werden. Nur in Neuruppin funktioniert das irgendwie nicht. Warum? Die Dinger sind einfach gebaut, kosten im Prinzip auch nicht viel - und sind einfach ein toller Sichtschutz, damit man beim Umziehen am See nicht blöde angeglotzt wird. 

Denn gerade am Evi habe ich das schon öfters erlebt, dass die Schüler da einfach nur saudämlich glotzen und blöde Sprüche reißen, insbesondere wenn Frauen baden wollen und sich umziehen. 

Warum nicht einfach mal von den Umlandgemeinden lernen, wie man mit wenig Aufwand so eine blöde Glotzerei abstellen kann?  


Dienstag, 13. März 2018

SVV März - Parkträume, Gendergedöns und Molotow-Brücke

Gestern war Stadtverordnetenversammlung (SVV). Die war auch recht gut besucht und siehe da, wir hatten hinten sogar ein bisschen mehr Platz als sonst, weil sitzmäßig umsortiert wurde. Die Mitarbeiter der Stadt haben nun vorne ihre Plätze gehabt und nicht mehr hinten vor der Presse.


Wie ihr seht, hatte ich Zeichensachen mit und habe nebenbei gezeichnet. Das ist ganz praktisch mitunter, weil ich dann Sitzungen und Zeichnen üben miteinander verbinden kann und gut tut es mir auch noch. Im Prinzip gab es gestern in der Sitzung drei Sachen, wo ich mir ein paar mehr Gedanken zu gemacht habe:

1. Das Parkraumkonzept. Es wurde sich (mal wieder) über fehlende Parkplätze und das derzeitige Chaos an der Kreuzung Schinkelstraße/August-Bebel-Straße beklagt. Anwohner am Wall würden keine Parkplätze finden, weil dort freies Parken wäre und alle Parkplätze immer von Leuten belegt wären, die in der Stadt arbeiten oder so.

Die Parkplätze am Brasch-Platz wären bei schlechtem Wetter kaum zu nutzen, weil alles unter Wasser stände, riesige Pfützen. Ah... ja. Die gibt es an der August-Bebel-Straße übrigens auch und nach einem Regenguss holt man sich oft nasse Füße, wenn man ins Auto hinein oder aus dem Auto heraus möchte. Die gibt es auch an der Ernst-Toller-Straße, also die "Parkfläche am Arsch der Welt" wo alle diejenigen, die keinen Luxus eines Stellplatzes auf dem Hof oder einer Garage im Garagenhof und die dauerhaft parken wollen, doch bitteschön ihre Autos lassen sollen um dann über halsbrecherische Wege in die Stadt zu laufen. Ganz schön dekadente Vorstellung - und die kommt von Menschen, die ihr Auto und ihre sonstigen Fortbewegungsmittel schön im Trockenen haben.

Nun soll also ein Parkraumkonzept her, das heißt, es gibt so etwas ja schon aber das soll jetzt mit viel Getöse voran getrieben werden. Was ich ja immer ganz interessant finde, sind diese lila Parkausweise. Ich bekomme als Anwohner in der Innenstadt ja nur einen grünen und da steht eine Zone drauf. Fertig, da muss ich parken. Blöd ist: 50 Meter weiter ist schon die nächste Zone - also wenn ich bei mir in der Nähe keinen Parkplatz bekomme, kann ich nicht auf den vielleicht freien Parkplatz 50 Meter weiter fahren und da meine Einkäufe ausladen - nein... ich muss dann so lange herumkurven, bis ich einen freien Parkplatz in meiner Zone finde. Das ist übrigens enorm umweltfreundlich und rücksichtsvoll gegenüber allen anderen Leuten, die zu Fuß und mit dem Rad unterwegs sind.

Es gibt aber Ausnahmen - und das sind Inhaber von lila Parkausweisen. Die, so die Kreisverwaltung auf meine Anfrage hin - bekommen Firmen, die durch ihre Arbeitsweise bedingt in verschiedenen Zonen stehen müssen. Also Pflegedienste und Handwerker zum Beispiel. Hausmeisterdienste und Lieferdienste wären auch noch logisch. Wenn man eine Firma hat und so einen Ausweis haben möchte, muss man das gut begründen und dann wird entschieden, ob man so einen Ausweis bekommt. Überprüft wird das aber später nicht mehr. Sagen wir mal so: Es gibt diverse Leute, die so einen Ausweis im Auto liegen haben und die Dauerparker sind. Wenn man zum Beispiel jemanden bequatscht, der so eine Firma hat, dass man unbedingt so einen Ausweis braucht, dann kann man den manchmal halt über einen Anderen bekommen. Funktioniert. Denn es steht auf den lila Ausweisen ja nicht die Firma drauf, auf den dieser Ausweis ausgestellt ist. Oder man denkt sich halt eine superdupergute Begründung aus, warum man unbedingt als Firmeninhaber so einen Ausweis braucht. Dann klappt das auch.

Ich bin mitunter von der Parkerei schon so abgenervt, dass ich überlege ob es sinnvoll wäre, vor allem aus parktechnischen Gründen eine Firma anzumelden. Mit einer guten Begründung könnte ich für ungefähr den dreifachen Satz an bisheriger Anwohnerparkgebühr den lila Ausweis erwerben und wäre damit dann im Jahr günstiger dran als mit aktueller Anwohnerparkgebühr und den Verwarngebühren, weil "huch, der Ausweis war nicht komplett lesbar, die letzte Zeile konnten wir nicht lesen..." Dafür habe ich ziemlich viel bezahlt, bis man mir erklärt hat, warum ich trotz Ausweis Verwarngebühren bezahlen muss. Denn es ist ja immer einfacher abzukassieren anstatt mal konkret zu sagen: "Ne, nicht vorne auf die Ablage das er zu tief rutscht und unter den schwarz gepunkteten Randstreifen der Frontscheibe rutscht!" zu erklären. Wo käme man denn da hin in einer bürgerfreundlichen Stadt, die Verwarngelder schon fest im Haushalt eingeplant hat, wenn man den Leuten solche Sachen, auf die sie wahrscheinlich selbst nie im Leben kommen würden, mal erklärt.

Und klar, auch die Idee, dass Menschen, die ihr Auto tatsächlich nur alle paar Tage brauchen, das vielleicht weiter außerhalb der Innenstadt abstellen ist gar nicht so abwegig. Nur: dazu gehört dann bitte auch mehr als ein vermatschter Parkplatz, der über eine der schlechtesten Straßen Neuruppins zu erreichen ist und den man dann über bei Regen tiefvermatschte Gehwegabschnitte wieder verlassen darf, während all jene, die ihre mobilen Untersätze halt schön im Trockenen haben, große Sprüche reißen.

Dazu kommt ja, das viele Leute mittlerweile nicht mehr gut laufen können. Nicht mehr gut laufen können bedeutet aber nicht, dass man dann automatisch einen Schwerbehindertenausweis mit dem Merkmal aG bekommt, um damit dann letztlich die Berechtigung zu haben, einen passenden Parkausweis für Behindertenparkplätze zu bekommen. Das wäre ja zu einfach! Die Erfahrungen vieler Menschen mit Behinderungen sind eher "na ja, um so einen Ausweis zu bekommen, musst du heutzutage schon beide Beine amputiert haben...". Keine weite Strecken laufen können zum Beispiel auch viele Menschen mit Atem- oder Herzproblemen nicht. Für die sind 500 Meter oft schon unglaublich weit. Oder Rollatornutzer. Die freuen sich bestimmt auch wie Scholli, wenn ihnen von gut zu Fuß seienden Menschen erklärt wird, dass sie doch bitte hinten im Matschbereich der Ernst-Toller-Straße parken sollen, wäre ja nicht so weit bis in die Stadt.

Nun ja, Parken in der Stadt ist ein endlos langes Thema. Ich wäre ja dafür, in einigen Bereichen schräg zu parken, denn das würde relativ zügig und recht günstig zusätzliche Parkplätze schaffen. Würde man dann noch einen Kompromiss finden und sagen: Wir nehmen so weit wie es geht auf die historische Altstadt Rücksicht - überlegen aber dennoch, wie wir zusammen mit den Grundstückseigentümern der Freifläche an der Schinkel-Straße die Privatparkplätze bietet und der Sparkasse dort zusätzlichen Parkraum durch ein eingeschossiges Parkhaus (ebenerdig und 1. Etage) schaffen können, bei dem wir das Obergeschoss speziell für Kleinwagen konzipieren, dito Parkplatz der Sparkasse gegenüber - da wäre durchaus Einiges mit gewonnen. Der "hübsch-hässlich" Neubau ging damals ja auch mit der Feuerwehr.

2. Gleichstellungs-Gendergedöns. Was wurde da über die Statistik formuliert, was man alles doch erheben müsste. Nicht nur ob Mann oder Frau, sondern bitte auch ob schwul (das wäre dann eher gleichgeschlechtlich) oder Transgender und haste nicht gesehen. Das geht eigentlich viel einfacher: Mann, Frau, Diverse.  Zack, fertig und rechtlich sicher. So hat nämlich eine Anwaltskanzlei letzten einen neuen Mitarbeiter gesucht.

3. Molchow-Brücke. Keine Ahnung, warum ich immer an "Molotow-Brücke" denken muss, wahrscheinlich, weil das Thema für manche Leute Sprengstoff ist.  Es wurde überlegt, ob man dem Inhaber vom River-Cafe mit der Pacht entgegenkommt, weil er doch durch den jetzt wieder verzögerten Brückenbau Einnahmeneinbußen hat. Und ja, verzögerter Brückenbau auch, weil man ja auch an die Leute mit den Feriengrundstücken dort denken muss. Die möchten doch ganz bestimmt nicht im Sommer mit Baumaßnahmen konfrontiert werden.
Da kommt sich doch jeder Innenstadtbewohner, insbesondere an Friedrich-Engels-Straße und Schinkelstraße komplett verarscht vor - oder? Und was ist eigentlich mit den Läden, die (dem Hörensagen nach) aufgrund der Baumaßnahmen an der Schinkelstraße den Geist aufgegeben haben? Vick ist weg (Tabak und Spirituosen) und die Pizzeria hat auch dicht gemacht. Hat man denen irgendwie etwas erlassen an Gebühren? Oder tut man es bei den Läden, die seit Monaten durch die Bauarbeiten dort betroffen sind? Das wäre dann ja mal mehr als fair...

Übrigens funktionierte der Aufzug im Rathaus am Anfang der Sitzung noch. Zum Ende der Sitzung aber nicht mehr. Ein Zahnriemen war gerissen. Tja, ein bisschen blöd, wenn oben dann jemand im Rolli ist, der runter muss. 5 Stockwerke. Der Unterarmgehstützenläufer wird auch geflucht haben, dass er mit seiner kaputten Hüfte dann 5 Etagen Treppen laufen muss.

Aber hey, das ist Neuruppin. Immer für ein Abenteuer gut. Ich bin sicher, das versierte gewählte ehrenamtliche Fachpersonal wird darauf hinweisen, dass es so etwas wie "Treppenraupen" (Klick mich, ich bin ein Link) gibt, die es ermöglichen, dass im Bedarfsfall auch Treppen mit einem Rolli weit ungefährlicher überwunden werden können wie es gestern der Fall war. Übrigens könnte so eine Treppenraupe auch in Haus B dann Rollifahrern ermöglichen, in entsprechende Büros zu gelangen. Ganz ohne Fahrstuhl und zu einem Bruchteil der Kosten für einen Fahrstuhl.









Donnerstag, 1. Februar 2018

Sozial- und anderes Gedöns-Ausschuss, Fontane.00 Part 2


Dienstag war ja Sozial- und anderes Gedöns-Ausschuss. Es ging um die Feuerwehr in Alt Ruppin, die ein neues Gebäude bekommt und wo man hofft, dass es noch zusätzliche Fördergelder dafür gibt und dass das Gebäude 2019 fertig ist. Also irgendwann in dem Jahr...

Dann ging es um Projekte im Fontane-Jahr und es entbrannte eine Diskussion darüber, warum nicht einfach gesagt werden konnte, welche 11 Projekte abgelehnt wurden. Okay, nachher wurde von Mario Zetzsche erklärt, dass Projekte, die einen wirtschaftlichen Charakter haben nicht gefördert werden. Ebenso Projekte, in denen Fontane fast gar nicht vorkommt. Dann werden keine Projekte gefördert, die mehr oder minder „privat“ sind und nicht öffentlich präsentiert werden. Nicht gefördert wurden auch stadteigene Projekte, die letztlich viel zu teuer geworden wären.

Ach so, und es gab – nicht dienstag - übrigens eine Beschwerde, weil ich ja „schöner scheißen mit Fontane“ gebloggt habe. Dazu stelle ich einfach mal fest, dass manche Menschen wahrscheinlich viel zu studiert oder so sind um überhaupt auf die Idee zu kommen, dass man so denken könnte wie ich. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und habe viele Freunde und Bekannte, die definitiv weit, weit weniger kunstaffin sind als ich. Ich bin es noch nicht mal sonderlich.

Diese Leute würden es genau so oder sehr ähnlich sehen wie ich. Das ist zum Beispiel die Rückmeldung, die so bei MIR ankommt. Es ist doch letztlich nicht so dermaßen viel anderes, als wenn irgendwer Aufkleber mit „fuckAFD“, „NoNazis“ oder „Graf Itty“ irgendwo auf eine Klotüre pappt. Nur das die Aufkleber größer, mit Zitaten von Fontane sind und dass die Aufkleber mit den Zitaten letztlich mit geschätzten 3.500 % Mehrkosten aus Fördermitteln bezahlt und legal geklebt werden, während man der Jugendkultur Zerstörungswut, Gewalt und Hässlichkeit vorwirft und über hohe Reinigungskosten klagt.

Würde das Mittendrin eine hohe vierstellige Summe beantragen um Toiletten und leere Schilderrückseiten im Rahmen von „Neuruppin bleibt bunt“ mit klaren Bekenntnissen gegen Nazis und Faschismus und für kulturelle Vielfalt zu bekleben, wäre der Entrüstungssturm verdammt groß. Aber hey, hier geht es um Fontane und der ist bei fontane.200 für manch einen Akteur des großen Zinnobers die Lizenz zum Geld drucken. Mein Eindruck mitunter. 

Zweite Feststellung – da das Buch mit den Briefen von Fontane an seine Holde Emilie laut Google einen dreistelligen Betrag kostet, verlasse ich mich mal auf das, was das Internet so über das Thema und Fontane ausspuckt. Also zum Einen die Beschreibung eines Klos so, wie es in dem Beitrag „schöner scheißen mit Fontane“ unter dem Bild zu sehen ist. Und klar, er hat auch über „Toilette“ geschrieben. ABER... damit war definitiv NICHT das stinkende Örtchen gemeint, sondern zu der Zeit bezeichnete man als „Toilette“ das Schminken und das Aufbrezeln (von Frauen). Und das hat er tatsächlich öfters erwähnt, auch in Briefen an seine Frau. Nur: während heute oft die Toilette (Keramikschüssel für Körperausscheidungen) durchaus oft im gleichen Raum wie der Spiegel ist, den Frau zum schminken benutzt, war das „Örtchen“ früher halt ein eher einsamer Ort ohne Spiegel und die „Toilette“ wurde am „Toilettentisch“ erledigt, heute „Schminktisch“ genannt. Und der stand eher in den Privaträumen als neben dem Plumpsklo, zumal Fontane sich halt keine Luxus-Herbergen leisten konnte, die weit besser ausgestattet waren als die bescheideneren Gasthäuser, in denen er logiert hat.

Ich bin also gespannt, welch glorreichen Klosprüche dann für viel, viel Geld auf irgendwelchen Kloschüsselräumchen prangen werden und werde darüber nachdenken, wie es wohl bei den Leuten ankommt, denen man erklären will, wie wichtig Fontane doch ist und wie sehr wir ihn hier mit dem Fontanejahr ehren. Bevor sie merken, dass man  aus seinen Zitaten letztlich Scheißhauslektüre gemacht hat. Das ist wie Boys mit seiner Fettecke und den dreckigen Badewannen, die als „Kunst“ deklariert wurden. So etwas ist für Menschen wie mich nicht nachvollziehbar. 

Wer so wie ich von staatlicher Unterstützung lebt und immer wieder erlebt (hat), wie alles abgelehnt wurde, was beantragt wurde, weil es „unangemessen“ ist oder aus tausend anderen Gründen nicht passt, für den ist es auch irgendwie ein Schlag ins Gesicht. Da kommt jemand und kassiert mit ein paar Sprücheaufklebern auf Toilettentüren so viel Geld, wie hier in der Stadt andere Leute im ganzen Jahr unter einem Haufen Repressalien und Demütigungen zugebilligt bekommen. Und diese Leuten können sich für ihre Kinderund/oder sich selbst kaum vernünftige Teilhabe leisten, um ihnen und sich irgendwie mehr Bildung zu ermöglichen. Das muss man erst mal bringen. 

So, dann ging es noch um „Geschlechtergerechtigkeit“. Das alle Geschlechter gleich beachtet werden. Also auch in Texten und so. Das kommt vom Gleichstellungsbeirat dieser Stadt, der seine Ehrenämter sehr ernst nimmt und auf sehr vielen Sitzungen ist. Also Geschlechter gleich stellen. Welche Geschlechter gibt es? Es gibt Frauen. Es gibt Männer. Aber das ist ja noch nicht alles. Dann gibt es noch mindestens Transgender – das sind diejenigen, die zwar nach außen hin die Geschlechtsmerkmale eines Mannes oder einer Frau haben, aber „im falschen Körper sind“. Denn sie fühlen sich im falschen Körper. Und es gibt zum Beispiel „Hermaphroditen“. Okay, wer wissen will, was das ist, hier der Xhamster-Link... (*) aber nur so viel: Es gibt eine Hermaphrodite, bei der jeden Tag auf Klo die Sonne aufgeht.


Wenn nun die Stadt eine Selbstverpflichtung der Stadt Grundlage wird – wie ist das dann wenn man solche Leute in Texten anschreibt? „Sehr geehrte Frauen, Männer, sonstige Geschlechter“? Das nächste wäre dann... wie ist das, wenn man dann mindestens drei Geschlechter berücksichtigt – UND noch Behinderte berücksichtigen muss?

Dann ging es dem Gleichstellungsbeirat noch um die Aufteilung von Frauen und Männern in der Stadtverordnetenversammlung und in den Ausschüssen. Da sind ja viel mehr Männer vertreten als Frauen. Es wurde überlegt, woran das liegen kann. Da fielen dann so Begriffe wie „Kinderbetreuung“ und „nicht wollen“ oder auch „Langatmigkeit der Sitzungen“ und das müsse man doch bitte irgendwie mal berücksichtigen. Warum? Wer nicht will, der will nicht
Es sind ja nicht nur die Sitzungen im Rathaus alle paar Wochen mal Abends. Da gehören noch Fraktionstreffen dazu und sich in Themen einarbeiten. Wer da eher seine Freizeit mit Glotze, Spielen etc. verbringen möchte, den kann ich verstehen. Noch etwas kommt dazu – immer mehr Menschen scheinen eher bildungsallergisch zu sein. Da reichen ein paar Schlagzeilen – weil es halt zu anstrengend ist, mehr als das zu lesen – und sie haben ihre Meinung. Sich in verschiedene Themen einzuarbeiten ist halt nicht deren Ding. Das haben sie nie gelernt. Dazu passt aber auch, dass der Gleichstellungsbeirat sich zwar viele Gedanken um die Geschlechtergerechtigkeit macht – aber wenig darüber, dass man vielleicht auch mal einen Blick auf die Verständlichkeit von Texten haben sollte. Schauen sollte, wo vielleicht Fremdwörter sind, die manche Leute nicht verstehen können.

Das hat zwar nichts mit den verschiedenen Geschlechtern zu tun. Aber wer sich wundert, dass wenig Leute und vor allem wenig Frauen Lust auf Politik haben und dann seitenlange schwer verständliche Texte raushaut,  der macht die ganze Sachen nicht besser. Es gibt ja nicht mal die Bemühung, sich schrittweise um einfache Sprache zu kümmern. Ich kann mir gut vorstellen, wie mehr und mehr Stadtverordnete irgendwann anfangen, in Tischkanten zu beißen, wenn der Gleichstellungsbeirat wieder mit langen Ausführungen kommt und der künftige Behindertenbeirat dann noch einige Ergänzungen hat, damit die auch barrierearm umgesetzt werden. Wer dachte, eine Sitzung ist lang, wenn die bis 22 Uhr geht... ne, die Aussichten, dass dies noch locker getoppt werden kann wenn man immer und immer wieder auch darauf hinweisen muss, dass nicht nur Geschlechter, sondern auch verschiedene Behinderungen zu berücksichtigen sind, stehen ziemlich gut.

Ich kann niemanden zwingen, Kommunalpolitik zu machen oder toll zu finden. Nicht als Gleichstellungsbeirat, nicht als Stadtverordneter... gar nicht. Je mehr Regeln, Vorschriften und Einschränkungen es gibt, je mehr unverständliche Texte und Desinteresse der Verwaltung an Bürgerengagement desto weniger Spaß macht es zugegeben. Sitzungen dauern halt mitunter lange. Was will man da bitte abkürzen, wenn es Diskussionen gibt? Da ist doch Redezeit schon begrenzt worden – noch mehr Reglements und von einer Demokratie, die jetzt ja schon mitunter in Frage gestellt wird, sind wir abgerückt.

Wenn es wenig Frauen in der Kommunalpolitik gibt, dann liegt es nicht in erster Linie daran, dass die vielleicht Kinder haben. Es liegt vielleicht eher AUCH daran, dass Männer hier eigentlich ziemlich klar machen, das Politik ihr Metier ist und Frauen da zwar ganz nett sind, aber in erster Linie halt überflüssig, weil sie als Männer schon alles gut im Griff haben. Es braucht ein dickes Fell, wie man als Frau Kommunalpolitik machen möchte, um nicht in der Luft zerrissen zu werden, falls man eine Meinung nicht auf viel Gegenliebe stößt.

Ich denke, das haben echt die wenigsten Frauen. Und Frauen, die ihre eigene Meinung haben und die auch noch vertreten... ganz böse! Nein, offiziell wird da ja immer gelobt, aber hintenherum ist so etwas wie „Hexe, verbrennt sie!“. Alles schon erlebt. Politik wird nicht frauenfreundlicher, wenn man auf dem Papier festlegt, das man doch bitte mehr Frauen in der Politik haben möchte. Weder kommunale Politik noch Bundespolitik. Die meisten Frauen, die in den Sitzungen sind, sind entweder Verwaltungsangestellte oder Besucher. Die ersteren werden dafür bezahlt, dass sie dort erscheinen und die letzteren haben die freie Wahl zu kommen und zu gehen, wann es ihnen beliebt und sich nicht viel Mühe geben zu müssen, alles zu verstehen.

Ich war sachkundige Einwohnerin. Und bin seitdem schon mehrfach gefragt worden, ob ich nicht gerne wieder kandidieren würde. Für´s Stadtparlament? Die Nerven habe ich nicht. Dafür bin ich viel zu unangepasst, habe nichts, was ich als „guck mal was für ein toller Hecht ich bin!“-an die Wand nageln könnte und habe halt viel zu sehr meine eigenen Meinung. Das kollidiert ja schon oft mit dem Kulturbeirat.

Ich bin letztens gefragt worden, was ich sagen würde, wenn mich jemand fragt, warum ich da noch drin bin, wenn ich so über ein Projekt schreibe etc.. Ich glaube ich würde mittlerweile antworten: „Nenne einen Ersatz und ich bin schneller draußen als du gucken kannst!“. Ich wäre nicht mal sonderlich traurig drüber. Ich habe mit viel Enthusiasmus und Freude damals den Beirat mit gegründet und war superstolz darauf und gespannt, wie sich alles entwickelt. Nach der ganze Zeit stelle ich einfach nur fest, ich bin zu unbeqeum, zu unfolgsam, habe meine eigene Meinung und Lebensauffassung und einen viel zu geringwertigen Berufshintergrund dafür. Dazu haben meine Lebensumstände oft genug dafür gesorgt, dass ich an verschiedenen Sachen nicht teilnehmen konnte. Weil kein Auto und Angsterkrankung oder mir einfach auch nur eine Nummer zu hoch. 

Kultur sollte für viele sein, auch für Menschen, die keine große Bildung haben. Aber die werden im Beirat irgendwie kaum vertreten. Wenn ich also letztlich merke, ich bin unbequem weil ich zu unangepasst dort bin und ich mehr und mehr eher "nette Deko" bin, dann denke ich viel nach. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dort hinein zu passen. Da es schon diverse Wechsel gegeben hat und manch einer gar nicht mehr erst zum Ehrenamt erscheint empfinde ich es auch eigentlich als gar nicht so schlimm, zu erkennen, dass es eigentlich seit langem schon hinten und vorne nicht mehr passt und mehr und mehr die Konsequenzen daraus zu ziehen. Das wäre auch viel ehrlicher als alles Andere. 



(*) Das Lied hatte ich dann als Ohrwurm...









Donnerstag, 25. Januar 2018

Fontane.00


Gestern war ja Kulturbeirat. Damit ist die Sitzungsschiene dieses Jahr eingeläutet, nächste Woche ist dann der „Ausschuss für alles, was nicht niet- und nagelfest anderswo untergebracht werden kann“. Also Soziales, Ordnung, Kultur, Schulen, Sport, Senioren, Feuerwehr und anderes Gedöns, das halt nirgends anders reinpasst.

Im Kulturbeirat gibt es dafür dann oft irgendwelche Mitteilungs- oder Beschlussvorlagen. Bei Mitteilungsvorlagen darf man sich halt anhören oder auch durchlesen, was die Stadt so zu einem bestimmten Thema zu sagen hat und wie sie entschieden hat. Bei Beschlussvorlagen ist es fast ähnlich, nur dass da die Stadt nicht beschließt, sondern die Stadtverordneten. Und dass so eine Beschlussvorlage dann durch einige Ausschüsse geht und oft noch so fleißig daran rumgeändert wird, das am Schluss bei der ganz allerletzten endgültigen Abstimmung manch einer schon gar nicht mehr weiß, was er da eigentlich jetzt genau abstimmt. Wenn es ihn wirklich interessiert, fragt er dann nach, wenn nicht hebt er so ein Kärtchen. Oder eben auch keines.

"Hinter mir liegt ein Korridor mit einem "Hier" und trägt mir so unbalsamische Luft zu, dass ich Kopfweh habe und vor Ekel nichts essen kann". (Fontane in Krummhübel über das Klo)

Gestern ging es um Projekte, die nächstes Jahr zum Fontanejahr stattfinden. Diese Projekte wurden mit kurzen Projektbeschreibungen bei der Stadt von den Leuten, die sie machen wollen eingereicht und mit einer gewünschten Fördersumme versehen. Das bedeutet nicht, dass die Projektleute diese Summe dann auch komplett bekommen – denn sie müssen immer auch einen Teil an Eigenkapital aufbringen und dann wird darauf anteilig die Fördersumme ausgerechnet. 

So, das mal als graue Theorie. Ein paar Projekte wurden gestern kurz vorgestellt. Aber genau das Projekt, das eigentlich jetzt schon mein auserkorenes Lieblingsprojekt  nicht. Gut, ist nicht so schlimm, ich hätte ja auch nachfragen können. Aber damit hätte ich unserem Hauptdarsteller vielleicht die Show gestohlen und das wollte ich ja auch nicht.

Mein Lieblingsprojekt für nächstes Jahr ist „Schöner scheißen mit Fontane“. Okay, das wir ein bisschen anders formuliert, aber letztlich ist „Schöner scheißen mit Fontane“ der viel aussagekräftigere Titel dafür und jeder ahnt sofort so halbwegs, worum es geht. Nein, es geht nicht um das Retro-Toilettenpapier aus bedruckten Zeitungsseiten – sondern um Toilettentüren, die mit stylisch umgesetzten Fontane-Zitaten verschönert werden sollen!

Leider ist nicht ersichtlich, ob da auch quasi in der Einflugschneise nach Neuruppin die Sanifair-Toiletten an den Autobahnen auf der Innenseite statt Geriatrie- oder Fensterwerbung dann Fontanesprüche in ihre Wechselrahmen bekommen, aber das wäre dann ja ohnehin schon wieder überregional und ein anderer Fördertopf.

Was kann Fontane froh sein, dass man ihn nicht Otto genannt hat! Denn beim Projekt „Schöner scheißen mit Fontane“ wäre dann der Begriff „Flotter Otto“ völlig neu zu interpretieren! Nachdem ich dann auf der Hunderunde vorhin noch die Klotüre vom Häuschen am Karl-der-Kurze-Platz (den irgendwie kaum jemand zuordnen kann, weil jeder „Postplatz“ sagt) fotografiert habe um hier dann für den Beitrag ein passendes Bild zu haben... ja, ich glaube, das wird ein sehr spannendes Projekt.

Was wohl auf den Türen dann für Zitate stehen? Ich bin ja schon am überlegen, ob es vielleicht dies ist: „Es läßt sich nichts erklopfen, der eine hat den Wein, der andere hat den Pfropfen, man muß zufrieden sein."  (klick mich, ich bin ein Link zu Zitaten) Oder vielleicht... „Tröste dich, die Stunden eilen und was dich drücken mag. Auch das Schlimmste kann nicht weilen und es kommt ein andrer Tag“? Vielleicht ja sogar das hier: „Lieber Einsamkeit und ein Buch und eine Zeitung als schlechte Gesellschaft, von der man nichts hat als Ärger und mitunter direkte Beleidigung“?

Wir werden es erfahren. Nächstes Jahr. Bei „Schöner scheißen mit Fontane“.

Nachtrag:

Fontane hat tatsächlich Toiletten beschrieben. In Briefen an seine Frau. Klar, Toilettenselfies gab es damals ja noch nicht und das Projekt sieht offensichtlich vor, 15 - 20 Toilettentüren (welche?) mit seinen Beschreibungen dieser Örtchen zu versehen. Oben mal ein Beispiel unter dem Foto. Sicherlich freut sich jeder, beim Toilettenbesuch, so "erKötzliche" Dinge zu lesen.

Ich sehe es so: Fontane war ein Mann. Männer pinkeln im Stehen. Zu dessen Zeit gab es Pissoirs und Plumpsklos und wo ging, haben Männer wie heute auch noch, sicherlich lieber zum pinkeln Bäume und Büsche benutzt anstatt stinkende Löcher womöglich mit Blick auf Mount Kacka. Endlich wird man mal denen gerecht, die sich der Ansicht sind:  "Scheiß-Kultur".

Erinnert habe ich mich gestern dann noch an den Film "Keinohrhasen" mit dem Spruch "Und immer schön aufs Schneewittchen!". Da war in der Kloschüssel ein Schneewittchen eingebrannt. Erfahrungsgemäß bleiben Männertoiletten auch deutlich sauberer, wenn in der Kloschüssel Zielscheiben aufgemalt werden (habe ich mal in einem Putzjob gemacht, weil mich der Zustand des Männerklos so angewidert hat und danach war es tatsächlich deutlich sauberer!). Sicherlich wäre statt der üblichen Zitate-Tassen-Souvenierst auch mal eine größere Schüssel mit Zitaten eine interessantere Version und sogar recht graffittifest. :-)







Dienstag, 7. November 2017

Unterwegs in "Ganzweitweg"



Wir waren ein paar Tage weg. Oma besuchen. Oma wollte eigentlich nach Neuruppin kommen, wenigstens im Sommer zum Geburtstag der Mittlersten – aber das Herz hat nicht mitgemacht. Sie hat dieses Jahr diverse Zeiten in Krankenhäusern verbracht und alles für ihren Sterbefall geregelt.
Das ist sehr traurig, sehr vorbildlich – und sie hat sich sehr gewünscht, dass sie uns noch einmal sieht. Also sind wir hingefahren, da wir es dank des Autos jetzt können.

Sie wohnt ziemlich weit weg in der Nähe der Grenze zu unseren niederländischen Nachbarn und dahin sind die Bahn- und Busverbindungen von hier aus... zu vergessen. Alles schon mehrfach durchgeschaut und durchprobiert, egal ob Zug oder Fernbus. Ich denke, mit das Übelste, was es gibt ist zu wissen, das ein Mensch, der einem sehr am Herzen liegt, jeden Moment sterben kann – und auch zu wissen: Du kannst da nicht einmal mehr hin um tschüß zu sagen. Du könntest noch nicht einmal zur Beerdigung dort hin. Weil es zwar im gleichen Land ist, aber du nicht mobil genug bist um deiner schwerkranken Mutter das letzte Mal Tschüß zu sagen.

Das ist ganz schön bitter.

Nun denn, dank unseres Ruppi-Struppi-Mobils war es jetzt möglich und so sind wir mit unserer alten Möhre losgefahren. Von Neuruppin aus sind es rund 700 Kilometer – zu viel für mich um die an einem Tag zu fahren. Das habe ich früher mal gekonnt. Da hatte ich auch ein schnelleres Auto – aber mittlerweile haben wir ein langsameres Auto und ich kann so eine lange Strecke nicht mehr an einem Tag fahren. Google Maps hat zwei Strecken vorgeschlagen – eine ging über Hannover, eine über Bremen. Da die Bremer Strecke letztlich die Möglichkeit bietet, einen Tag in der alten Heimat zu verbringen und meine Familie dort zu sehen, haben wir uns dafür entschieden. Letztlich sieht auch Nick ja seinen Vater und seine Schwester nur sehr selten. Dann kam noch ein Anruf „Opa liegt im Krankenhaus, das Herz...“ - und so haben wir den dann auch noch besucht. Auch bei ihm hatte ich mich schon darauf eingestellt, den nicht noch mal zu sehen und im Fall der Fälle auch nicht zur Beerdigung zu können. Wie das so ist, wenn man nicht so mobil ist, wenig Einkommen hat und die Familienangehörigen weit weg wohnen. Meinen Vater habe ich seit Ende 2012 nicht mehr gesehen. Also ungefähr 5 Jahre nicht – so lange hatte ich kein Auto mehr. Seit über 10 Jahren ist er an Parkinson erkrankt und lebt mittlerweile zusammen mit seiner Lebensgefährtin im betreuten Wohnen auf einem Dorf.

Montags sind wir dann zur Oma gefahren. Dank Google Maps Navigation habe ich so viele Autobahnkreuze wie noch nie vorher auf der Strecke passiert. Das war echt abenteuerlich, aber irgendwann waren wir auf der A42 Richtung Venlo und dann auch wenig später vor Ort. Aber warum schreibe ich das in der Stadt-Ratte, die sich mit kommunalen Themen beschäftigt? Nun – wir waren dort 5 Tage in dem kleinen Städtchen. Das hat eine historische Altstadt. Wie Neuruppin. Es liegt an einem Flusslauf (nein, an zweien) – Neuruppin liegt an einem See. Es ist ein Touristenziel. Neuruppin auch. Es liegt in einem Naturpark. Neuruppin auch. Es hat ein Naturparkhaus mit Museumsausstellung – Neuruppin hat ein Museum.

Wir haben die Zeit AUCH genutzt, um zu schauen, was es dort gibt und was vielleicht eine tolle Idee für hier wäre, weil es sich dort schon bewährt hat. Übrigens gibt es dort auch die „Nette Toilette“. Wie die das dort umgesetzt haben und warum ich im Urlaub krampfhaft überlegt habe, was hier in der Hinsicht eigentlich schief gelaufen ist und falsch aufgefasst wurde... das erfahrt ihr im nächsten Blogbericht!

Foto: Das ist die "AIWA". Diese Seilzugfähre ist eine "Anlage im Wasser" und man kann sie nutzen um über die Niers zu kommen. Am Vorabend war ich dort und habe gesehen, wie ein Ehepaar dort ihr Rollikind draufgewuchtet hat - die Niers hat derzeit einen niedrigen Wasserstand und da war es tatsächlich ein bisschen Wuchterei - um auf der anderen Seite den Wanderweg fortzusetzen. Aber eben ein tolles Erlebnis!